Vom Schreiben in der Diaspora.
Oder: Uli Hoeneß und das Land der 1000 Seen
Ein Erfahrungsbericht von Dieter Hermann Schmitz
"Nein,
das geht so aber nicht", meinte vor mehreren
Jahren ein Verleger aus Düsseldorf zu mir, bei
dem ich telefonisch anfragte, ob Interesse an einem
Roman-Skript bestünde. Es ginge doch nicht an,
erklärte er mir, für ein deutschsprachiges
Lesepublikum schreiben zu wollen und gleichzeitig
Tausende Kilometer entfernt zu leben. "Nein,
unmöglich" war seine Reaktion, als ich erzählte,
dass ich in Finnland meine Wahlheimat gefunden habe.
Wie auch immer, der ältere Herr dort am anderen
Ende der Leitung war sehr nett und plauschte mit mir
über eine halbe Stunde. Er fand für mein
Vorhaben, vom Ausland aus einen Verleger zu finden,
folgenden blumigen Vergleich: Das wäre ungefähr
so, als würde ich beim Uli Hoeneß vom FC
Bayern München anrufen und fragen, ob er mir
einen Vertrag anbieten würde, weil ich gut Fußball
spielen kann. Man müsse sich, so der Verleger
etwas süffisant weiter, erst einmal beim eigenen
Ortsverein hochspielen, um dann in die Regionalliga
aufsteigen zu können. Erst wenn man ein paar
Tore geschossen habe, könne man weitersehen.
Das
Bild vom Poeten und die Nähe zum Leser
Jeder
Vergleich hinkt, sagt ein altes Sprichwort. Doch ganz
Unrecht hatte der Düsseldorfer Verleger nicht.
Vom romantisierten Bild des weltentrückten Poeten
jedenfalls, der im stillen Kämmerlein seine Verse
zu Papier bringt, um sein Skript dann einem Verleger
zuzuschicken und die eigenen Kopfgeburten ihrem irdischen
Dasein zu überlassen, muss sich jeder verabschieden,
der mit dem modernen Schreibprozess sowie dem heutigen
Buchmarkt noch keine allzu großen Erfahrungen
gemacht hat und verstaubten Vorstellungen anhängt,
gleichzeitig aber den Wunsch hegt, mit belletristischem
Schreiben auch kleine finanzielle Erfolge einfahren
oder das Schreiben gar vollends zum Broterwerb machen
zu wollen.
Im deutschsprachigen Raum gilt ja belletristisches
Schreiben mittlerweile - wieder - als vorrangig handwerkliches
Tun, das nicht genialen Einzelnen, eben jenen weltentrückten
Poeten, vorbehalten ist, sondern lehr- und erlernbar
ist. (Ein gewisses Talent ist natürlich vonnöten,
aber das gilt sicherlich für jede Profession.
Belletristisches Schreiben kann deshalb vielleicht
am ehesten als eine Art "Kunsthandwerk"
charakterisiert werden.) Als Beleg dafür mögen
universitäre Kurse im Kreativen Schreiben oder
die vielen Schreib-Ratgeber auf dem Büchermarkt
gelten. (Vor der Zeit der deutschen Klassik waren
übrigens in Mitteleuropa Schreibfibeln mit Anleitungen
und Regeln, etwa zum Schreiben von Dramen, sehr üblich.
Erst danach entstand die Vorstellung, dass einem das
Zeug zum Schreiben entweder gegeben ist oder nicht.)
Neben viel Fleiß und handwerklichem Gewusst-Wie
muss ein Schriftsteller in vielen Fällen auch
recherchieren können oder gar echte Milieustudien
betreiben. Niemand wird einen (glaubwürdigen)
zeitgenössischen Krimi schreiben können,
ohne zu wissen, wie polizeiliche Routinearbeit aussieht.
Wer einen historischen Roman schreibt, wird oft nicht
umhin kommen, in Archiven zu stöbern oder die
Orte seiner Romanhandlung, Burgen, Städte und
Landschaften, zu bereisen. Im abgeschiedenen stillen
Kämmerlein mag das kaum gelingen. Tausende Kilometer
vom Wohnort der potenziellen Leserschaft entfernt
- wie in meinem Falle - leider auch nur bei bestimmten
Genres, Themen oder Veröffentlichungsformen.
Schriftsteller
sind Windmühlen
Aber
selbst mit der Abgabe des Skripts ist die Arbeit des
Schriftstellers in den allermeisten Fällen noch
nicht erledigt. Denn - ob man's mag oder nicht - auch
Vertreter der schreibenden Zunft sind zu Kindern der
Massen- und Medienkultur geworden. In der Flut der
Neuerscheinungen und im Meer des kulturellen Überangebots
muss jeder, der seine belletristischen Druckerzeugnisse
an den Leser gebracht sehen will, ein klein wenig
Aufmerksamkeit erregen, ein wenig Wind um sich und
seine Bücher machen. Das soll heißen: Ähnlich
wie Filmsternchen oder Nachwuchs-Musiker müssen
auch Schreibende das Augenmerk der Öffentlichkeit
auf sich lenken. Die erste Werbung im eigenen Freundes-
und Bekanntenkreis reicht wohl nur bei Kleinstauflagen.
Ansonsten sind für Literaturschaffende - in Zusammenarbeit
mit dem Verlag oder in Eigen-Regie - unerlässlich,
für kurze Presse-Vermeldungen oder ausführliche
Rezensionen zu sorgen, Radio-Interviews zu geben oder
im (Lokal-)Fernsehen aufzutreten, Buchvorstellungen
und Lesungen zu machen, bei Kulturveranstaltungen
dabei zu sein, gelegentlich an Buchständen zu
sitzen und vielfältige Kontakte zu pflegen. Die
Tuchfühlung zum eigenen Lesepublikum und zu Kulturschaffenden
ist wohl unerlässlich, um wenigstens innerhalb
einer bestimmten Region einen gewissen Bekanntheitsgrad
zu erreichen, was sowohl die Schreibprodukte als auch
- leider - die eigene Person anbelangt.
Der
Kampf mit den Windmühlen: ein Kampf wider Willen
Das
"leider" habe ich im vorigen Satz einfügen
müssen, weil ich persönlich kaum Wert darauf
lege, bekannt zu werden. Es mag die ersten zwei oder
drei Mal aufregend sein, das eigene Bild in der Zeitung
zu sehen, aber ansonsten gehöre ich nicht zu
den Leuten, die auf der Straße erkannt werden
wollen, und sei's nur in der eigenen Nachbarschaft
oder beim Gang in den Supermarkt. Insofern bedauere
ich, dass die falsche Vorstellung vom weltentrückten
Poeten nicht der Wahrheit entspricht. Es würde
mir reichen, wenn das Schreiben an sich bereits alles
wäre, was der Autor zu leisten hat. (Und es würde
mir das Schreiben aus der Ferne auch um einiges erleichtern.)
Damit ich aber nicht allzu bescheiden klinge: Es freut
mich selbstverständlich, wenn meine Texte und
Geschichten Anklang finden und gelesen werden und
wenn sie sich verkaufen - wenn auch nur in einem bescheidenen
Maße und ich sicherlich nicht akut vom Star-Ruhm
"bedroht" bin. Aber im Prinzip reicht es
mir, wenn geneigte Leser meinen Namen kennen; als
"Gesicht" bleibe ich für die Allgemeinheit
gerne unerkannt.
Hinzufügen will ich auch, dass ich die Bezeichnung
"Schriftsteller" nur ungern auf mich selbst
anwende, einerseits aus Achtung vor den Leuten, die
das Schreiben wirklich als Broterwerb betreiben, andererseits
weil dieses Wort allzu leicht inflationär verwendet
wird, als Berufsbezeichnung nicht geschützt ist,
und sich auch von Zeitgenossen an die Brust geheftet
wird, die ihre Zeilen im Selbstverlag herausgeben
oder aus dem eigenen Geldbeutel finanziert haben.
Persönlich würde ich mich lieber als (Gelegenheits-)Autor
oder - völlig neutral - als Schreiber bezeichnen.
Wenn es doch geschah, dass ich weiter oben das Wort
"Schriftsteller" benutzt habe, so der Einfachheit
halber und um zu verdeutlichen, dass hier in erster
Linie die Rede vom belletristischen Schreiben ist.
Und es geht doch: Nischen, Notlösungen und
neue Chancen
Ganz
unmöglich ist es dennoch nicht, im Ausland zu
wohnen und weit ab von der eigenen Sprachgemeinschaft
bzw. Leserschaft entfernt zu leben. Auch von Finnland
aus lassen sich Telefonate mit Zeitungen führen,
Radio-Interviews geben oder Probeexemplare von Büchern
verschicken. Gelegentliche Besuche in Deutschland
lassen sich zu Lesungen nutzen. Das Leben im hohen
Norden schlägt als kleiner Exoten-Bonus zu Buche
und weckt zumindest bei Lokalreportern ein erstes
Interesse. Mühselig ist das Schreiben in der
Diaspora dennoch und der direkte, dauerhafte Kontakt
lässt sich nur sehr bedingt ersetzen. Es bleiben
einem aus der Ferne aber folgende Möglichkeiten:
Wenn man einen Verlag findet, der auf eine aktive
Mitwirkung des Autors keinen besonderen Wert legt,
ist es zumindest regional machbar, dass ein Buch quasi
als Selbstläufer auftritt, in den Auslagen bestimmter
Buchhandlungen liegt und mit etwas Glück ohne
Nachhilfe einige Leser findet. Wenn man bei einem
größeren Verlag unterkommt, der über
ein Netz von Vertretern verfügt und einen angemessenen
Verteiler bei der Verschickung von Besprechungsexemplaren
unterhält, ist die eigene Distanz wohl zum Teil
kompensierbar. Das Schreiben in Anthologien bietet
einem die Möglichkeit, quasi als Trittbrettfahrer
von der Zugkraft bekannter Schriftsteller zu profitieren
und so eventuell auf sich selbst aufmerksam machen
zu können - ähnlich, wie wenn ein Nachwuchsschauspieler
im Film neben einem Star auftreten kann.
Zu guter Letzt kann ich sagen, dass es mir auch ein
wenig gelungen ist, aus der Not eine Tugend zu machen.
Als Deutscher in Finnland profitiere ich davon, dass
Deutsch hier eine viel gelernte Schulsprache ist,
dass Deutschland wichtigster Handelspartner Finnlands
ist, dass der finnisch-deutsche Kulturaustausch und
das Netz der Freundschaftsvereine stark sind und dass
deutschsprachige Touristen einen nicht unerheblichen
Teil der Reisenden ausmachen. So konnte ich zum Beispiel
- quasi auf Seitenpfaden des belletristischen Schreibens
- einen kleinen Reiseführer über die finnische
Witzkultur veröffentlichen, der auf Deutsch bei
einem Helsinkier Verlag erschienen ist. Das kleine
Buch im Westentaschenformat, als Reiselektüre
und Mitbringsel vermarktet, fand ein relativ starkes
Presse-Echo und hat sich ganz gut verkauft. Nicht
zuletzt deshalb erhielt ich im vergangenen Jahr einen
Anruf von einem der größten Verlagshäuser
des Landes, um an einem Deutsch-Lehrbuch mitzuarbeiten.
Dieses Projekt läuft seither, Erscheinungstermin
für Band 1 ist Anfang 2004. Im Laufe der vergangenen
Monate konnte ich feststellen, dass auch das Schreiben
von Schulbuch-Lektionen, kleinen Geschichten mit Plot,
Handlung und Personen bei reduzierten sprachlichen
Mitteln und in starkem Zusammenspiel mit den Illustrationen,
eine Herausforderung darstellt. Darüber hinaus
ist die Erstellung moderner Unterrichtsmaterialien
verbunden mit einem ganzen Kranz von Medien (Textbuch,
Übungsbuch, Lehrerhandbuch, Testpaket, Tonträger
mit Liedern und Dialogen, weiter Zusatzmaterialien
usw.), die unterschiedliche Anforderungen stellen
und die vom Schreiben kurzer Hörszenen bis zum
Schreiben von Songtexten reichen können. Diese
andere Art von Schreiben, die ich als "didaktisches
Schreiben" bezeichnen möchte und die sich
z.T. stark mit dem belletristischen berührt,
war und ist eine tolle Erfahrung.
Formen des Schreibens
Dies
vielleicht als Quintessenz für alle, die schreiben:
Es lohnt sich in meinen Augen, möglichst viele
Formen des Schreibens kennen zu lernen und auszuüben
bzw. Textformen zu produzieren, sofern die Möglichkeit
dazu besteht. Auch ein Schriftsteller wie Horst Eckert,
dessen Kriminalromane mit großem Erfolg beim
Dortmunder Grafit-Verlag erscheinen, ist nebenbei
(immer noch) als Reporter und TV-Journalist tätig.
Und auch ein Bestseller-Autor wie Josef Haslinger
schreibt mitunter Journalistisches oder Wissenschaftliches.
(Diese Schriftsteller und andere durfte ich bei Lesereisen
in Finnland kennen lernen.) Das Ausprobieren unterschiedlicher
Formen des Schreibens ist auf jeden Fall bereichernd
und hilft wohl oft auch, jenem Ziel, vom Schreiben
leben zu können, etwas näher rücken
zu können. Allerdings ist das "Hopping"
zwischen (belletristischen) Textsorten nicht unproblematisch:
Jemand der Horror-Storys oder Sci-Fi-Romane geschrieben
hat, wird es schwer haben, anschließend als
Kinderbuchautor auftreten zu wollen, denn das Publikum
entwickelt - auch hier ein: leider - gewisse Erwartungshaltungen,
wenn es einen Schriftsteller einmal kennen gelernt
hat. Insofern kann es auch ein Vorteil sein, als deutschsprachiger
Autor im nichtdeutschen Ausland zu leben, insofern
man u.a. für zwei oder mehrere Lesergruppen schreiben
kann, die sich kaum überschneiden und für
die man, ohne dass die Glaubwürdigkeit leidet,
unterschiedliche Texte produzieren kann.
Autor: Dieter Hermann Schmitz
Der
Autor dieses Artikels arbeitet an einer Hochschule
in Finnland.
Er veröffentlichte neben wissenschaftlichen Fachartikeln
und Lehrmaterialien für Deutsch-als-Fremdsprache
insgesamt drei Bände mit humorvollen Kurzgeschichten
aus dem Rheinland, zuletzt beim Grenz-Echo Verlag
GEV. Ein Roman erschien unter Pseudonym und in Zusammenarbeit
mit einem Ko-Autor bei einem hessischen Verleger.
Zwei historische Kurzkrimis erschienen (2002 und demnächst)
in Anthologien. Bei Yrityskrijat, Helsinki, kam 2001
"Finnische Witze. Witze von, für und über
Finnen" heraus. Zur Zeit schreibt er an einem
größeren Deutsch-Lehrwerk. In Planung ist
ein Kinderbuch.