Einen
Krimi zu schreiben, ist so ziemlich das Undankbarste,
was Autoren im literarischen Betrieb einfallen kann.
Andererseits bedeutet es im Erfolgsfall, zu einer
kleinen Elite zu gehören. Man gehört dann
zu den etwa 280 deutschsprachigen Helden, die einen
Krimi veröffentlicht haben.
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Theorie
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Marktchancen
Da
fängt das Problem schon an: nur etwa 15% aller
Neuerscheinungen im Bereich Krimi stammen von deutschsprachigen
Autoren. Bei den Stückzahlen ist das Verhältnis
noch verheerender. Hinzu kommt, daß die „Einheimischen“
überwiegend in Taschenbüchern erscheinen,
Grisham und Co aber in fetten Hardcovern. Das liegt
an verschiedenen Komponenten. Zum einen lesen unsere
Mitbürger lieber von schlimmen Dingen, wenn sie
weit weg passieren. Deutschland liest gerne von fremden
Ländern, exotischen Schauplätzen und ganz
bösen Jungs, denen man garantiert nie beim Bäcker
begegnet. Zum anderen ist es gerade in unserem Land
recht gefährlich, reale Namen und Orte in schlechtem
Licht darzustellen. Wenn man z.B. im Kanzleramt einen
Schäferhund mit einer Nivea-Dose zu Tode quält
(nur mal als Beispiel, nicht ernst gemeint), hat man
das Kanzleramt und den Nivea-Hersteller am Hals und
todsicher auch den Tierschutz. Man steht also immer
mit einem Bein im Gerichtssaal und sei es wegen unerlaubtem
Nutzen von Markennamen. Und selbst wenn die betroffenen
Firmen oder Personen nichts unternehmen, bekommt man
plötzlich Post von einem Anwalt, der eine kostenpflichtige
Abmahnung zustellt. Deutschland ist ein schlechtes
Pflaster für blutige Schauplätze. Und da
das auch die Verlage wissen, führen sie eine
Art freiwilligen Kniefall durch, indem sie Manuskripte
aussieben, die in irgendeiner Form Ärger machen
könnten. Das grenzt den Spielraum ziemlich ein,
was übrig bleibt, sind die sogenannten Regionalkrimis.
Diese Merkwürdigkeit hat sich zwangsläufig
entwickelt. Irgendwo müssen ja auch in Deutschland
die Krimis spielen. Und da niemand ernsthaft verletzt
werden soll (Juristisch gesehen der Verlag und der
Autor), wird eben die Gegend zum eigentlichen Event.
Ergo geht es nicht mehr um „Mord im katholischen Altenheim“
(Beleidigung religiöser Symbole: 1 Jahr Haft)
oder „Das Politessen-Massaker“ (Anstiftung zum ???:
1000 Mark Geldstrafe), sondern um einen „Eifel-Krimi“
oder „Ruhrpott-Thriller“. Eine der wesentlichen Schwierigkeiten
beim Krimi ist nicht, ihn zu schreiben, sondern niemandem
damit auf die Füße zu treten.
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Anerkennung
Gibt
es nicht. Schreibt jemand einen Roman (was auch immer
das im Einzelfall sein mag), sagen alle: Toll. Schreibt
einer einen Krimi, sagen alle: "Ach so? Na ja, wenn
ich mehr Zeit hätte, würde ich das auch
mal in den Ferien machen."
Der Grund liegt in einer Art Klassenkampf, den die
selbst ernannte Elite des Literaturbetriebs gegen
die sogenannte „Unterhaltungsliteratur“ führt.
Krimis sind für viele dieser Leute (in deren
Hand sich ja die Verlage befinden) auf einer Stufe
mit Perry Rhodan oder Micky Maus anzusiedeln. Auch
aus diesem Grund gibt es so wenige Möglichkeiten
der Veröffentlichung und so großen Unwillen,
deutsche Autoren mit Marketing zu verwöhnen.
Ohne Marketing aber nützt der beste Roman nichts.
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Verdienstmöglichkeiten
Schwach.
Fast immer Taschenbuch, fast immer 7 bis 10% Tantieme.
Macht im günstigsten Fall 2 Mark pro Buch, bei
2000 bis 3000 Stück Startauflage zu wenig für
einen Krimi, für den man ein ganzes Notebook
zugrunde richtet. Ungefähr 15 bis 20 Menschen
schaffen es pro Jahr, erstmals einen Krimi zu veröffentlichen.
Die meisten schaffen es aber nicht, jemals einen zweiten
zu schreiben, oder zu veröffentlichen. Vermutlich,
weil sie von etwas leben müssen und irgendwann
die Motivation, spätestens nach der dritten Scheidung,
futsch ist. Vom Krimi leben können nur zwei:
Kinder-Krimi-Schreiber und Jacques Berndorf.
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Hilfe
Im
Augenblick gibt es etwa 280 Krimi-Autoren unter uns,
die der deutschen Sprache mächtig sind. Da wir
in einem Land leben, in dem das Vereinsleben durch
die Verfassung garantiert wird, sind die ebenfalls
organisiert. Unter www.das-syndikat.com findet man
Hilfe. Aber nur der wird aufgenommen, der auch was
veröffentlicht hat. Gott liebt die Erfolgreichen.
Ansonsten hilft nur lesen. Wer die Konkurrenz kennt,
kennt die Wünsche der Leser.
Praxis
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Wie schreibt man eigentlich einen Krimi?
Ganz
anders als einen Roman. Bei einem Roman (biographisch
oder problemorientiert) fängt man bei einer Idee
und von vorne an. Einen Krimi beginnt man mit dem
Ende und der Moral von der Geschicht. Wie das
geht?
Nehmen
wir mal an, Sie fangen einen Krimi an und gehen vor
wie bei einem stinknormalen Roman. Also schreiben
sie wortgewaltig, wie in einem Altenheim eine Leiche
gefunden wird. Mit einer Leiche fangen ja die meisten
Krimis an. Ein Kommissar tritt auf, Indizien werden
gesammelt und..aha: die Nachtschwester war’s. 26 Seiten
und schon am Ende. Sie sind enttäuscht, weil
Sie offenbar einen Krimi schreiben können, der
über das Format einer Kurzgeschichte hinausgeht.
FALSCH!!
Sie
müssen es richtig anfangen. Zuerst und zu allererst
müssen sie festlegen, wie das Ding ausgeht:
1.
Wer ist der Mörder?
Sie müssen wissen, wer es war. Wenn Sie es nicht
wissen, wer sonst? Sie müssen es wissen, bevor
sie die erste Zeile schreiben. Wissen Sie es nicht,
sondern erfahren es erst mitten im Roman, dann ist
der Arsch ab. Dann schmeißen sie alles weg,
weil es unlogisch oder aufgesetzt wirkt.
2.
Was ist die Motivation?
Töten
allein genügt nicht. Es muß auch einen
guten Grund dafür geben. Na ja, einen plausiblen
Grund immerhin.
Also
schreibt man erst das Ende: der Mörder war ein
Psychopath, der bei der Heimaufsichtsbehörde
arbeitet und weil die Heimleiterin ihn verschmähte,
wollte er sie mitsamt dem Heim zugrunde richten. Prima,
das funktioniert. Jetzt wissen wir also, was der Leser
noch nicht wissen darf. Dann können wir das Weitere
planen:
3.
Charaktere
Wichtig.
Von den Figuren, die durch einen Krimi geistern, ist
die ganze Geschichte abhängig. Sie müssen
leben, interessant sein und im Kopf des Lesers haften
bleiben. Aber: nicht zu schrullig und nicht zu abgedreht.
Alle Personen, auch die Bösen, sollten noch als
angepaßte Mitglieder der Gesellschaft glaubhaft
sein. Das macht die Bösen noch bedrohlicher.
4.
Protagonist
Festlegen,
wer eigentlich der Held ist. Der Jäger des Mörders
oder der Mörder. Da muß man sich entscheiden,
denn auf diesen Punkt reagiert die Sympathie des Lesers.
Haben wir Verständnis für den Killer von
der Heimaufsicht, weil wir frühzeitig verstehen,
was ihn treibt? Lieben wir die Heimleitung, weil sie
kompetent und energisch den Vorwürfen entgegentritt?
Entweder-Oder, beides geht nicht.
5.
Falsche Fährten.
Extrem
wichtig. Der Autor kennt die Lösung, jetzt muß
er alles unternehmen, damit ihm der Leser nicht zu
früh auf die Strümpfe kommt. Also: falsche
Täter ins Spiel bringen. Hier: die Nachtschwester
wird verhaftet, verhört, bricht zusammen, gesteht.
Erst später kommt raus, daß sie eigentlich
nur das Valium der Heimbewohner frißt und damit
vom (erfolgsgeilen) Kommissar zum Geständnis
erpreßt wurde. Das hat schon fast Hollywood-Dimensionen.
Leser in die falsche Ecke geschickt, hurra! Jetzt
nur noch die Kurve kriegen zum wahren Täter.
6.
Logik
Jeder
Leser ermittelt mit, prüft die Fakten eigenhändig,
durchleuchtet auf jeder Seite die Logik der Zusammenhänge.
Da wird sofort bemerkt, daß die Nachtschwester
einen für ihr Gehalt zu teuren Wagen fährt.
Und während jeder wegen dieses winzigen Details,
das sie achtlos hingeschmiert haben, die gute Schwester
in einer Nebentätigkeit als Hure vermutet, basteln
sie unverdrossen an einer Medikamentenabhängigkeit
und entfernen sich damit vom Leser. Also: alles, wirklich
ALLES auf Logik überprüfen. Die ganze Sache
muß stimmig sein, jeder Leser muß zu der
Überzeugung gelangen: Ja, so könnte es gewesen
sein. Hier, und nur hier entscheidet sich der Erfolg
eines Krimis. Stellen sie sich vor, sie wären
Bundesliga-Trainer, und Millionen Pappnasen sitzen
vor den Fernsehern und beurteilen ihre Aufstellung
und Taktik. So ist das, wenn man einen Krimi schreibt.
Tips
Ein
paar Tips, wie man sein Ziel erreicht:
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Plots
Neudeutsch
für Ablaufplan. Die wesentlichen Ereignisse eines
Krimis auf einer Seite. Wann was passiert, schreibt
man hier auf. Damit navigiert man durch sein Werk.
Damit schreibt es sich leichter. Schreibblockaden
lassen sich verhindern, weil man nicht mehr nachdenken
muß, was genau nun geschrieben werden soll.
Existentiell für die Logik.
-
Szenenplan
Steigerung
von Plot. Jede einzelne Szene wird skizziert. Vorteil:
wenn schon so ein Plan nicht gelingt, schafft man
auch den Krimi nicht. Zeit gespart. Überfällt
den Autor das Gefühl, der Plan ist genial, dann
schreibt es sich wie von selbst.
-
Täglich schreiben
Nirgendwo
ist es so wichtig, „in“ der Geschichte zu bleiben.
Gerade wegen der Logik muß man jeden Tag den
Fall wälzen, nur so spürt man die winzigen
Defekte auf, die einen Plot zerstören können.
Also: schreibe täglich, oder Du schaffst es nie!
-
Der Deutsche liebt Serien!!!
Achten
Sie bei der Erstellung von Charakteren, daß
Sie sie weiterverwenden kannst (lassen Sie ein paar
überleben). Ganz toll ist ein Cliffhanger: man
lasse immer eine Frage offen, so daß der Bedarf
an einem Nachfolger ins Auge springt (auch dem Verlag).
(Anmerkung: als Cliffhanger wird bezeichnet, wenn
eine Szene genau im spannendsten Augenblick endet
- zum Beispiel, wenn der Held an einer Klippe hängt
und der Feind des Helden auf des Helden Finger tritt,
daher der Name - und eine neue Szene beginnt,
so dass der Leser weiterliest, schließlich will
er ja wissen, ob der Held nun von der Klippe fällt
noder nicht.)
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Mut zur Tragik.
Wen
nervt es nicht, daß alle Geschichten immer gut
ausgehen? Krimis mit tragischem Ende bleiben länger
im Gedächtnis. Schon mal daran gedacht?
Zu
guter Letzt:
eine
gute Idee ist durch nichts zu ersetzen; außer
durch zwei gute Ideen.
Vielleicht
handelt der Heimaufsichtstyp im Auftrag der Konkurrenz,
die ihn mit falschen Infos verrückt gemacht haben?
Vielleicht war es in Wirklichkeit ein Komplott; der
Mörder hat nur einmal gekillt, die anderen 12
hat doch die Nachtschwester gemacht, die in Wirklichkeit
die lesbische Freundin der Heimleiterin ist?
Wenn
die Idee gut ist, fällt es leicht, Spannung zu
erzeugen. Die Möglichkeiten sind gewaltig!
Autor:
Thomas Pfanner