Entstehung
des Genres
Als
Erfinder des Genres „Historischer Roman“ gilt allgemein
Sir Walter Scott (1814, „Waverly“), doch die Literaturwissenschaften
legen hier seit einigen Jahren Veto ein. Denn bereits
seit 1785 sind mehr als 180 Romane erschienen, die
ebenfalls der Gattung zugerechnet werden können.
So spricht die Literturwissenschaft heute von einem
„neuen Aufschwung des historischen Romanes durch Sir
Walter Scott“, nicht aber mehr von einer Erfindung
der Gattung durch ihn.
Goldgräberjahre
in Deutschland (1820-1845)
Erstaunlich
ist, wie schnell der historische Roman in Deutschland
zu einem der beliebtesten Genres überhaupt wurde.
In der „Goldgräberzeit“ der deutschsprachigen
Literatur zwischen 1820 und 1845 (so genannt, da in
diesen Jahren die Literatur ein plötzliches Hoch
erlebte) entstanden 990 historische Romane mit einer
Mindestlänge von 150 Seiten. Literaturwissenschaftliche
Untersuchungen ergaben, dass um 1820 herum nur jeder
20. Roman dem Genre „Historischer Roman“ zuzuordnen
war, 1825 war bereits jeder 3. Roman ein historischer
Roman. Dies bedeutet nicht, dass jeder dieser Romane
ein kommerzieller Erfolg war. Die meisten Bücher
fanden den Weg zum Leser ohnehin nur über Leihbibliotheken.
Zu den erfolgreichsten historischen Romanen dieser
Zeit gehören aber unbestritten: Spindler, Der
Jesuit (1829), Hauff, Lichtenstein (1826), Spindler,
Der Bastard (1826), Spindler, Der Invalide (1831),
Pichler, Die Belagerung Wiens (1824), Velde, Arwed
Gyllenstierna (1823), Velde, Die Eroberung von Mexiko
(1821) und Velde, Die Gesandschaftsreise nach China
(1825).
Ab
1835 machte sich eine Übersättigung des
Marktes bemerkbar (das gab es damals schon ...) und
die historischen Romane stürmten nicht mehr so
forsch an die Spitze der Bestseller – dennoch blieb
das Genre eines der beliebtesten.
Frauen
und der historische Roman
Erstaunlich
ist, dass sich mit dem Genre auch Frauen erstmals
gehäuft ans Licht der Öffentlichkeit wagten
– nicht mehr unter Pseudonym veröffentlichten,
sondern sich der Kritik stellen wollten. Und diese
ging oft unter die Gürtellinie. So schrieb Wolfgang
Menzel in einer Rezension über den historischen
Roman „Friedrich, der Streitbare“ (1830) von Caroline
Pichler: „Möchten doch alle unsre schreibenden
Damen statt des Gänsekiels die Nadel führen
und uns ihre Romane in die Wände sticken. Wieviel
besser würden diese seyn, denn es schämt
sich keine einen schlechten Roman zu schreiben ....
Die Mädchen wollen nicht heiraten, nur schreiben,
die Weiber nicht herrschen, nur schreiben.“ Die Frauen
ließen sich nicht abschrecken und sicherten
sich einen Platz in der Literaturlandschaft, verfassen
bald 21 % aller historischen Romane ...
Lustigerweise ist hier anzumerken, dass die Frauen
weniger häufig am Geschmack der Zeit und vor
allem des Publikums vorbeischrieben als ihre männlichen
Zeitgenossen. Abzulesen ist dies am Erfolg ihrer Bücher
– der immer in der Mitte blieb – keine nennenswerten
Spitzen in die eine oder andere Richtung (Bestseller
oder totaler Flop), was die Literaturwissenschaft
damit erklärt, dass man einem weiblichen Schriftsteller
dennoch skeptisch gegenüberstand.
Historischer
Historischer Roman
Der
sogenannte „historische Historische Roman“ erlebt
in den letzten Jahren einen neuen Boom. Der Verlag
Lübbe ist darauf eingegangen und hat eine Reihe
mit historischen Romanen aus dem 19. Jahrhundert ins
Leben gerufen: Klassiker des historischen Romanes
– darunter Werke wie z.B. Max Eyth, Der Bau der Cheopspyramide
und James F. Cooper, Der Lotse.
Änderungen
in den letzten Jahren
War
der historische Roman ab Mitte des 20. Jahrhunderts
zu einem romantisierenden, kitschigen Genre abgerutscht,
das mehr zur „Liebesromanze“ gerechnet werden konnte
denn zur Historie, wehte in den 80ern ein neuer Wind
über die angestaubte Gattung. Romane wie Umberto
Ecos „Der Name der Rose“, Süskinds „Das Parfüm“
(beide eigentlich historische Krimis), Folletts „Die
Säulen der Erde“ und Noah Gordons „Der Medicus“
bestachen durch brillante Recherche, enorme Geschichtskenntnis
und fundierte Beschreibungen der Zeit. Eine neue Ära
wurde mit diesen Romanen eingeläutet: einfache
Recherche oder blosse Erwähnung simpler Details
reichte und reicht nicht mehr, um einen guten historischen
Roman zu schreiben. Der Leser erwartet (zu Recht)
mehr.
Wann
ist der Roman historisch?
Allgemein
gilt die Regel: Leben keine Zeitzeugen mehr, ist von
Historie zu sprechen, d.h. für uns gilt momentan
die Jahrhundertwende 1899/1900 bis 1915 als Rahmen.
Alles, was danach angesiedelt ist, gilt strenggenommen
nicht mehr als historischer Roman. Insofern ist Sir
Walter Scotts „Waverly“, der 1814 entstand, aber nur
40 Jahre vor spielte, im strengsten Sinne kein historischer
Roman. Erst seine Mittelalter-Romane wie „Ivanhoe“
entsprechen den Anforderungen und Kriterien des historischen
Romanes, was den zeitlichen Rahmen betrifft.
Die
Recherche und das Lokalkolorit
Manche
Autoren hauchen ehrfurchtsvoll, manchmal auch genervt:
„Für einen historischen Roman müsste ich
ja so viel recherchieren und was soll ich da alles
an Kleidung, Einrichtungsgegenständen, etc. einbauen?“
Erstaunlich bleibt bei dieser Äußerung
immer die Tatsache, dass in jedem anderen Roman auch
alltägliche Gegenstände wie Uhren, Kleider,
Schuhe, aber auch Äußerlichkeiten wie Straßenbahnen,
Autos, etc. erwähnt werden – diese im historischen
Roman im Prinzip nur anders aussehen.
Selbstverständlich darf die Recherche nicht unterschätzt
werden. Wer nichts für Geschichte übrig
hat, eignet sich nicht als Leser des Genres, zum Autor
reicht es überhaupt nicht. Gelungene historische
Romane leben vor allem von Kleinigkeiten, die oft
nur in Nebensätzen erwähnt werden, die aber
der Historie mehr Farbe verleihen als langatmige Absätze
im Stil einer Geschichtsarbeit. Hier sei auch zu erwähnen,
dass Autoren immer daran denken sollten, dass die
Recherche viel Zeit und Mühe kostet, aber mehr
Mühe kostet es, nicht alles, was man recherchiert
hat, auch in das Buch einzubauen. Die Gefahr, ein
Sachbuch zu schreiben, ist besonders beim historischen
Roman sehr groß ....
Historische
oder erfundene Figuren?
Ob
der Autor erfundene Figuren in eine Epoche einbetten
oder aber auf historische Persönlichkeiten als
Romanfiguren zurückgreifen soll, ist eine heissdiskutierte
Frage, die die Gemeinschaft der Autoren historischer
Romane oft in zwei Lager trennt. Es bleibt ungeklärt,
ob der Autor sich an historischen Figuren wagen soll.
Einer der Hauptvorwürfe ist, dass niemand die
Gedanken und Gefühle eines anderen wirklich nachvollziehen
kann, zumindest nicht so weit, dass die Persönlichkeit
des zu Beschreibenden in all ihren Facetten zum Vorschein
kommen würde. Es wäre nur die Interpretation
dieser Person, nicht die Person selbst. Dem gegenüberstellen
kann man durchaus, dass es sich mit erfundenen Figuren
ebenso verhält – der Autor IST nicht diese Figur
– er beschreibt sie so gut es ihm möglich ist.
Romane
mit historische Persönlichkeiten (bevorzugt werden
Könige und Königinnen gewählt) als
Hauptfiguren werden auch Romanbiographien genannt.
Leider wird im Zusammenhang mit der historischen Romanbiographie
einer der Hautpvertreter dieses Nebenzweiges der Gattung
„Historischer Roman“ nie erwähnt: Stefan Zweig.
Seine Romane über Marie Antoinette und Joseph
Fouché bestachen bereits damals bei Erscheinen
durch brillantes Einfühlungsvermögen – manchmal
wird gemunkelt, dass die Personen selbst diese Tiefe
der Gefühle nie erreicht hatten, die Zweig ihnen
„andichtete“. Sie bleiben dennoch die unbestritten
besten Romanbiographien überhaupt.
Grundprinzipien,
die das Genre verlangt
Länge
Jeder
Autor kann schreiben, so viel er will und vor allem
seine Manuskripte so breit und episch anlegen, wie
er grad möchte. Das Problem mit sehr langen Manuskripten
ist jedoch, dass a) Lektoren von 1000 und mehr Seiten
durchaus abgeschreckt werden können, nicht zuletzt
deshalb, weil Lektor davon ausgeht, dass Autor ins
Schwafeln geraten ist und auch Dinge erzählt
hat, die nichts mehr mit dem unmittelbaren Handlungsstrang
zu tun haben ... und b) Übersetzungen ins Ausland
bei Werken über 600 Seiten fast unmöglich
sind. (Auch Übersetzer wollen bezahlt werden
...)
Literaturhinweise
Michael
Meyer: Die Enstehung des historischen Romans in Deutschland
und seine Stellung zwischen Geschichtsschreibung und
Dichtung. Die Polemik um eine "Zwittergattung" (1785-1845).
München 1973.
Hugo Aust: Der historische Roman. (Sammlung Metzler
278) Stuttgart 1994, S. 53-59.
Rudolf Fürst: Rezension zu Müller-Fraureuth,
Carl, Die Ritter- und Räuberromane. Ein Beitrag
zur Bildungsgeschichte des deutschen historischen
Volkes. Halle a. S. 1894. In: Euphorion. Ergänzungsband
3. 1896, S. 540-549.