Die Liebe in historischen Romanen

od. der historische Liebesroman


 

Verfolgt man die Entwicklungen und Meinungen auf dem Buchmarkt, so kommt man immer wieder zum gleichen Ergebnis:
- Wird der reine Liebesroman nach wie vor belächelt und mit "Schundliteratur" und ähnlichem gleichgesetzt, boomt der Markt im Bereich des historischen Romans

Reine historische Liebesromane - also Romane, in denen eine fiktive Geschichte in einer vergangenen Zeit spielt und es keinen Bezug auf reale Ereignisse und /oder Personen gibt - finden immer mehr Anhänger. Was macht den Reiz dieser Literatur aus? Warum bekennt man sich eher dazu, einen historischen Liebesroman als einen zeitgenössischen Liebesroman zu lesen?

Ich erlaube mir an dieser Stelle die Worte der Autorin Marte Cormann - Vorsitzende von DeLiA (Vereinigung deutschsprachiger Liebesroman-Autoren und -Autorinnen - zu zitieren:
"In einer Welt, die unübersichtlicher geworden und in der stabile Familien und Freundschaften oftmals fehlen, wächst unsere Sehnsucht nach der großen, einzigen Liebe, die uns Halt gibt."

Vorgegaukelt durch die Medien müssen wir in der heutigen Zeit nicht nur jung, gertenschlank und wunderschön, sondern dazu noch erfolgreich und natürlich cool sein. In einer solchen Welt ist kein Platz für romantische Gefühle und Äußerungen. Der Umgang mit dem anderen Geschlecht hat auf einer kühlen, überlegenen Ebene zu erfolgen. Das "Zurschaustellen" von Gefühlen ist verpönt. Sehen wir uns doch einmal eine Begegnung zwischen einem Mann und einer Frau in einer Bar an, wie sie in der heutigen Zeit ablaufen könnte:

Sie sitzt an der Theke, vor sich ein exotischer Cocktail. Er betritt die Szene, sieht sie dort sitzen und denkt sofort, dass die tolle Brüste hat. Auch ihr gepiercter Bauchnabel, den er über dem Bund ihrer knappen Jeans sehen kann, weckt ihn ihm Gefühle, die Gegend unterhalb zu erkunden. Er schlendert lässig an ihre Seite und klopft ihr cool auf die Schulter.
"Hallo, ich bin der Tom und finde dich obercool. Hast du Lust, meine DVD-Sammlung anzusehen?"
Sie schenkt ihm einen kühlen Blick und lässt ihn wahrscheinlich auf Grund einer solchen plumpen Anmache abblitzen.

Eine vielleicht sehr direkte Anmache, aber nicht unüblich. Setzten wir diese Szene doch mal 150 Jahre zurück:

Die Damen befinden sich bei einem Kaffeekränzchen, wobei sie Handarbeiten für den Kirchenbasar anfertigen. Der Sohn der Gastgeberin betritt den Raum und sein Blick fällt sofort auf die neue, junge Nachbarin. Er ist von ihrer eleganten Erscheinung, ihrer schön geschwungenen Nase und der blonden Fülle ihres Haares sehr angetan.
"Verehrtes gnädiges Fräulein, es ist mir eine Ehre, Sie kennen lernen zu dürfen."
Errötend senkt sie die Augen, denn in seinem Blick erkennt sie eine Bewunderung, die sie verlegen macht.
"Ich bin Ihrer Frau Mutter für die Einladung sehr dankbar", erwidert sie schüchtern.
Er nimmt in gebührlichem Abstand neben ihr Platz.
"Darf ich darauf hoffen, dass Ihre Schönheit nun häufiger die Räume unseres Hauses schmücken wird?"

Welche Frau wünscht sich nicht, in einer solchen Art und Weise von einem attraktiven Mann bewundert zu werden? Eine solche Sprache in einem historischen Roman zu wählen ist üblich und hat nichts Kitschiges an sich.
Nicht ohne Grund heißt es immer "die gute alte Zeit". Ein Teil dieser Zeit lebt in historischen Romanen auf, spiegelt den Lesern eine heile Welt wieder, die es weder damals noch heute gab.
Bereits im Mittelalter erfreuten sich Minnesänger größter Beliebtheit. In ihren Liedern uns Texten ging es immer nur um ein Thema. Die Liebe!
Zur Erklärung:
Minne, von althochdeutsch minna, bezeichnete ursprünglich "Gedenken", dann "liebendes Gedenken" und schließlich "Liebe", und zwar zunächst die helfende (erbarmende) Liebe und dann vor allem die sinnliche Liebe zum anderen Geschlecht. In der höfischen, epischen und lyrischen Dichtung des hohen Mittelalters ist die Minne das zentrale Motiv für ritterliches Handeln und Ausdruck der Beziehung zwischen Mann und Frau bzw. Ritter und höfischer Dame. Im Minnesang wird zwischen "niederer Minne" und "hoher Minne" unterschieden; die niedere Minne ist sozial und ethisch auf einer tieferen Stufe angesiedelt, sie ist gleichbedeutend mit der Befriedigung des Liebestriebes. Im Unterschied dazu hält sich die hohe Minne an bestimmte idealisierte Regeln: Der Ritter sieht sich im Dienste seiner meist unerreichbaren Geliebten zu Heldentaten verpflichtet, und der Dienst für die Geliebte wird zur höchsten ethischen Norm.

In Zeiten von Kriegen, Eroberungen und Krankheiten wollte man zur Entspannung etwas Leichtes, Schönes hören. Daran hat sich bis heute nichts geändert. Der/die LeserIn von heute möchte in eine Welt abtauchen, die mit Realität nicht viel gemein hat. Natürlich tauchen in jedem Liebesroman auch Probleme auf - oft größer sind als das ein einziger Mensch zu ertragen scheint. Aber stets werden diese Probleme am Ende gelöst und alle Beteiligten schreiten gemeinsam in ihr großes Glück.
Liebe und Romantik gehören zur Vergangenheit wie Ritter, Burgen und Prinzessinnen. Da es aber vielen LeserInnen nicht genügt, nur über erfundene Personen zu lesen, greifen sie zu historischen Romanen. Daraus kann man - während man in einer wundervollen Liebesgeschichte schwelgt - gleich etwas über Geschichte erfahren, ohne zu einem Fachbuch oder einer trockenen Biographie greifen zu müssen.

Liebe in historischen Romanen ist - natürlich! - immer konservativ. Aber das Bild der agieren Personen in den Romanen, insbesondere das der Frau, hat sich in den letzten Jahrzehnten stark gewandelt.
Eine der bekanntesten Vertreterinnen des deutschen Liebesromans ist unumstritten Hedwig Courths-Maler. Suchten die Frauen in ihren Romane aber noch nach einem Mann und einer Ehe, um wirtschaftlich versorgt zu sein, so sind die Protagonistinnen von heute viel selbstbewusster und eigenständiger. Wenn auch die Geschichten in vergangenen Zeiten spielen, ist das zentrale Thema längst nicht mehr "eine gute Partie" zu machen. Ebenfalls sind die Heldinnen von heute nicht mehr nur zarte, zerbrechliche und wunderschöne Wesen, die den Besitzerinstinkt eines jeden Mannes erwecken. Nein, Frauen dürfen - und sollen! - ruhig kleine Macken haben: die Nase ist zu lang, der Hintern zu breit oder das Haar zu widerspenstig.
Zumindest deutsche Autoren und Autorinnen suchen sich solche Frauentypen für ihre Romane aus. Das ist vielleicht der Grund, warum in der heutigen Zeit geschriebene historische Liebesromane wohl kaum noch als Schund bezeichnen lassen.
Ein weiterer Aspekt, den es zu betrachten gibt, ist das Cover. Es ist zu begrüßen, dass der Trend in Deutschland von sogenannten "Nackenbeißer"-Covern zurückgeht.
Zur Erklärung Nackenbeißer:
Ihre Schultern sind entblößt, er - ebenfalls halb entblößt - beugt sich von hinten über sie, als würde er ihr gleich in den Nacken beißen ...
Besonders der Moments Verlag, Verlagsgruppe HDH in Erftstadt, hat es sich zum Ziel gesetzt, seine Romane mit modernen und geschmackvollen Covern zu versehen. "U-Bahn-Tauglichkeit" lautet die Divise des Verlages - und es ist ihnen gelungen.

Fazit:
Liebe hat es immer gegeben und wird es immer geben. Ebenso ist Liebe in Literatur nicht wegzudenken - wenn auch viele Kritiker das am liebsten möchten.
Warum nicht eintauchen in eine vergangene Welt voller Spannung, Geschichte und auch einer gehörigen Portion Romantik? Warum sich nicht über ein Happy-End freuen?
Wenn man das Buch dann bedauernd ausgelesen zur Seite legt, wartet in der Küche sicher schon ein Stapel Geschirr auf den Abwasch. Wer das romantisch findet, sollte nicht zu Liebesromanen greifen, aber für alle anderen bemühen wir Autoren uns weiterhin, fesselnde und schöne Romane zu schreiben!

Rebecca Michéle arbeitet seit vier Jahren als freiberufliche Schriftstellerin. Neben ihren historischen Romanen vor dem Hintergrund der englischen Geschichte, schreibt sie auch regelmäßig Kurzgeschichten und Kurzromane für verschiedene Zeitschriften. Mehr zu Rebecca Michéle finden Sie auf der Homepage der Autorin u. bei DeLia-Online.

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