Interview -


Michelle Raven

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Sie schreibt höchst erfolgreich in einem beliebten Subgenre des Liebesromanes. Im Gespräch mit Federkiel gibt Michelle Raven wertvolle Einblicke in ihre Arbeit u. darüber hinaus auch Tipps für angehende AutorInnen.

 

Federkiel im Gespräch mit Michelle Raven

(FK= Federkiel
RM= Michelle Raven)

FK: Seit wann schreiben Sie Romantik-Thriller und wie haben Sie selbst zum Genre Romantik-Thriller gefunden?

MR: Ich schreibe seit 1999 Romantik-Thriller. Es war für mich nie eine Frage in welchem Genre ich schreiben wollte, da ich seit über 15 Jahren Liebesromane lese, die letzten Jahre fast ausschließlich im Bereich Romantic Suspense. Geschichten, deren Handlung sich aus viel Spannung gepaart mit Liebe zusammensetzt, faszinieren mich immer wieder.

FK: Was kennzeichnet den Romantik-Thriller?

MR: Der Romantik-Thriller ist, wie der Name schon sagt, eine Mischung aus Liebesroman und Thriller. Der Begriff wurde früher meist für Romane von Autorinnen wie Victoria Holt oder Brenda Joyce verwendet. Da der englische Ausdruck Romantic Suspense schwer zu übersetzen ist wird "Romantik-Thriller" daher auch für die moderne Art spannender Liebesromane von Autorinnen wie Linda Howard und Iris Johansen benutzt. Generell lässt sich sagen, dass es darum geht, Spannung und Liebe so zu verbinden, dass eine überzeugende Geschichte entsteht. Leser von Romantik-Thrillern kommen meist aus dem Liebesromanbereich, weniger aus dem Thriller/Krimibereich. Daher wird meist auch sehr viel Wert auf ein ausgeglichenes Verhältnis zwischen Thriller und Romantik gelegt. Während in einem 'normalen' Thriller die Hauptpersonen gerne auch unsympathisch sein oder sogar sterben können, erwarten die Leser eines Romantik-Thrillers, dass die Personen sympathisch sind (oder sich zumindest dahingehend während der Geschichte entwickeln) und vor allem dass sie überleben.

FK: Wie müssen die Verhältnisse zueinander stehen? Wie viel Thriller bei wie viel Anteil Romantik? Anders ausgedrückt: muss die Romantik überwiegen od. soll der Thriller-Anteil überwiegen?

MR: Eine schwierige Frage, die sich nicht so leicht beantworten lässt. Ich habe bei den Lesern des Romantischen Bücherforums (bei denen ich mich hiermit für die vielen interessanten Antworten bedanke!) nachgefragt, was für sie wichtig ist. Die Antworten waren - wie zu erwarten - vielfältig, man kann aber einen Trend entdecken. Viele Leser von Romantic Suspense mögen ein ausgewogenes Verhältnis von Spannung und Liebe, die Spannung sollte sich dabei das ganze Buch über halten und die Liebesgeschichte sich glaubwürdig entwickeln. In diesem Genre gibt es Bücher, die sich fast nur auf den Thrilleranteil stützen, andere, bei denen die Liebesgeschichte im Vordergrund steht und die Spannungselemente nur schmückendes Beiwerk sind. Allerdings sind es dann meiner Meinung (und auch der vieler Leser) nach dann eher fast reine Thriller oder Liebesromane. Auf jeden Fall sollte es eine einheitliche, im Ganzen überzeugende Geschichte sein, das wünschen sich die Leser.

FK: Worauf legen Sie persönlich am meisten Wert?

MR: Ich mag auch gerne ein ausgewogenes Verhältnis, allerdings würde ich doch eher zu den Spannungselementen tendieren. Wenn dann noch eine tolle Liebesgeschichte dabei ist, freut mich das natürlich umso mehr. Ich finde es gut wenn bei einem Romantic Suspense die Liebe aus der gefährlichen/ausweglosen Situation der Helden heraus entsteht und sie sich im Laufe der Geschichte immer weiter entwickelt.

FK: Wenn Sie einen Romantik-Thriller schreiben - ist dann zuerst der Thriller als Idee gereift oder die romantische Geschichte?

MR: Für mich gehört beides untrennbar zusammen. Meist entsteht sogar zuerst die Idee wo der Roman spielen könnte (bei mir meist im Südwesten der USA) zusammen mit einer vagen Vorstellung was passieren könnte. So betrachtet kommt der Anstoß wirklich vom Thriller. Danach überlege ich mir dann, welche Personen in die Situation geraten sollten und schon bin ich mitten in der Liebesgeschichte.

FK: Ist Sex erlaubt im Romantik-Thriller? (In anderen "Untergattungen" des Liebesromans - bspw. Regency - ist Sex tabu) Oder wird Sex sogar gewünscht?

MR: Natürlich ist der Sex erlaubt und bei vielen Lesern sogar ausdrücklich erwünscht. Es gibt Romane, in denen kein Sex vorkommt oder nicht beschrieben wird genauso wie Romane, in denen er ausführlich und detailreich beschrieben wird. Meine Romane gehören zu letzterer Gruppe.

FK: Gibt es Tabus im Romantik-Thriller?

MR: Es ist alles eine Frage des persönlichen Geschmacks, allerdings gibt es einige Punkte in denen die meisten Leser übereinstimmen. Dazu gehören Tod von Held und/oder Heldin, zu extreme Gewaltdarstellung, Gewalt gegen Kinder, Vergewaltigung der Heldin während der Geschichte. Außerdem sollte keine Langeweile aufkommen und die Helden sowie der Plot halbwegs realistisch sein. (Obwohl es da auch Ausnahmen gibt, wie z.B. Cherry Adair, deren Verfolgungsjagden im Stil an die James-Bond-Filme erinnern). Für mich persönlich gelten diese Tabus größtenteils auch, obwohl ich nicht ganz so empfindlich bin was Gewaltdarstellungen angeht. Natürlich gibt es dort Grenzen und die werden auch meist bei Romantic Suspense eingehalten.

FK: Ist das Happy End ein Muss?

MR: Für die meisten Leser, ja. Das ist einer der Unterschiede zu Thrillern - die Liebe ist ein wichtiger Teil der Geschichte und sollte daher auch wie beim Liebesroman gut enden. Wobei es auch hier Unterschiede gibt, in den USA z.B. gehören eine Hochzeit und Kinder meist dazu, während in Deutschland die Leser durchaus auch damit zufrieden sind, wenn sie wissen, dass die beiden Helden zusammengefunden haben und auch zusammenbleiben werden. Außerdem ist es auch möglich, das Ende etwas offener zu gestalten und im Rahmen einer Reihe die Beziehung immer weiter fortzusetzen.

FK: Gibt es Romantik-Thriller auch als Serie? Das würde bedeuten, dass sich z.B. die ermittelnde Hauptkommissarin laufend neu verliebt od. eine Herzensbrecherin ist?

MR: Ja, diese Form gibt es auch. Meist hat die Heldin (oder der Held) dann aber während der Serie im Prinzip den gleichen Partner, die Beziehung wird länger herausgezögert, bzw. weitergeführt (z.B. die 'In death'-Serie von J.D. Robb). Oder es gibt Serien, die z.B. von einer bestimmten Einheit (Militär, Polizei, etc.) handelt, in denen immer die gleichen Personen vorkommen, aber in jedem Buch ein anderes Pärchen die Hauptrolle spielt (z.B. die Troubleshooter-Serie von Suzanne Brockmann).

FK: Sind die Protagonisten in Romantik-Thrillern eher weiblich oder männlich?

MR: Beides, schließlich handelt es sich um Liebesromane. ;-) Ich glaube meist ist die weibliche Hauptperson so ausgelegt, dass sich viele Leserinnen mit ihr identifizieren können bzw. sie sympathisch finden. Aber der Mann kommt natürlich auch nicht zu kurz und ist ein wichtiger Bestandteil der Geschichte. Romantic Suspense ist eindeutig auf ein weibliches Lesepublikum ausgerichtet und es ist jeder Autorin selber überlassen ob sie mehr Gewicht auf die Frau oder den Mann legen will, oder beide gleichberechtigt nebeneinander stehen lässt.

FK: Welche Milieus eignen sich am besten für Romantik-Thriller? Werden dabei Grenzen gesetzt von den Verlagen od. ist man als AutorIn relativ frei in der Wahl?

MR: Typische Berufe sind natürlich Polizisten, Detektive, Agenten, Gerichtsmediziner, Militärangehörige, Anwälte, Journalisten, Bodyguards, Spione, also alles was mit Verbrechensbekämpfung zu tun hat. Aber es werden auch gerne spannende Geschichten gelesen in denen die Protagonisten vom Beruf her eigentlich nichts mit Verbrechen zu tun haben, aber in eine gefährliche Situation hineingezogen werden. Dieses Szenario verwende ich auch gerne in meinen Büchern, ebenso wie landschaftlich reizvolle Schauplätze an denen die Protagonisten um ihr Leben kämpfen müssen. Das Milieu sucht sich der Autor immer selber aus und ich habe bisher auch noch nichts von Grenzen durch Verlage gehört. Eine andere Frage ist dann natürlich ob man einen Verlag findet, der seinen Roman veröffentlicht.

FK: Haben Sie noch Vorbilder? Bzw. welche AutorInnen lesen Sie selbst gerne? Oder lesen Sie keine Bücher mehr aus dem Genre, weil sie während des Lesens viel zu nah "dran" sind?

MR: Vorbilder würde ich nicht sagen, aber ich habe viele Autorinnen, die ich sehr gerne lese und bei denen ich mich über jedes neue Buch freue. Zum Beispiel Linda Howard, Suzanne Brockmann, Lisa Gardner, Iris Johansen, Karen Robards und noch viele andere. Im Grunde lese ich fast nur Romantic Suspense, es ist einfach die Art Liebesroman, die mir am Besten gefällt. Und es stört mich auch nicht, dass ich im selben Genre schreibe, im Gegenteil, ich kann noch viel von den Autorinnen lernen.

Viele Beispiele für gute Romantic-Suspense-Bücher findet man auf Ina's Romantic Suspense-Seite

FK: Wie beurteilen Sie ganz persönlich die Marktlage des Romantik-Thrillers?

MR: In den USA sehr gut, in Deutschland schlechter. Während in den USA derzeit eine riesige Romantic Suspense-Welle durch das Liebesromangenre rollt, ist es hier eher ein Randbereich. Natürlich werden die Bücher von Autorinnen wie Linda Howard und Nora Roberts übersetzt und auch gut angenommen, aber es gibt praktisch keine veröffentlichten deutschen Autoren in diesem Bereich. Das liegt einfach daran, dass es 1. als deutscher Liebesromanautor sowieso nicht leicht ist, in einem Verlag Fuß zu fassen, 2. dann meist historische Romane vorgezogen werden, da in Deutschland einfach mehr historische Romane gekauft werden, das gleiche gilt für typisch deutsche zeitgenössische Geschichten (z.B. Hera Lind, Amelie Fried, Gaby Hauptmann) - Was natürlich auch mit daran liegen kann, dass einfach kaum etwas anderes angeboten wird! - und 3. es wohl kaum deutsche Autoren im Romantik-Thriller Bereich gibt, ich kenne jedenfalls nicht viele.

FK: Was würden Sie angehenden AutorInnen des Genres raten?

MR: Wenn man unbedingt veröffentlicht werden will vielleicht doch besser in ein anderes Genre zu wechseln. ;-) Wenn man aber dieses Genre liebt und sehr gerne solche Geschichten schreibt, dran bleiben und es einfach versuchen. Wenn man viel Glück hat, kann man auch in diesem Bereich veröffentlichen und Leser gewinnen. :

FK: Arbeiten Sie an neuen Projekten bzw. dürfen Ihre Fans auf einen neuen Roman aus Ihrer Feder hoffen - in der nächsten Zeit?

MR: Ja, als nächstes wird eine Geschichte von mir veröffentlicht, die in Südafrika und am Grand Canyon spielt (mehr kann ich dazu bisher noch nicht sagen). Derzeit arbeite ich an einem weiteren Buch, einer Art Roadmovie durch den Südwesten der USA und dann wartet auch noch der 3. Teil der Hunter-Familie auf mich. Das Buch liegt zur Zeit in der Schublade, bis ich das andere Projekt beendet habe, aber es ist auch schon beinahe fertig.


 

Autorenportrait Michelle Raven


1972 in Hannover geboren und dort aufgewachsen verbrachte ich fast mein gesamtes bisheriges Leben in der niedersächsischen Landeshauptstadt. 2001 zog ich beruflich bedingt nach Köln. Ich bin Diplom-Bibliothekarin und arbeite ganztags als Leiterin einer Institutsbibliothek, daher kann ich derzeit nur in meiner Freizeit schreiben. Ein weiteres zeitverschlingendes Hobby ist Lesen, am liebsten natürlich Liebesromane, aber auch Krimis und Fantasy lese ich sehr gern. Früher habe ich mich häufig kunsthandwerklich betätigt, von Zeichnungen über Puppen bis hin zu Tiffany war eigentlich alles dabei. Leider habe ich im Moment nicht mehr genug Zeit dafür. Außerdem liebe ich es, mit meinem Mann zu verreisen, eines meiner Lieblingsziele ist der (Süd-) Westen der USA. Videofilmen und -schneiden gehört für mich zu meinen Urlauben dazu, genau wie das Stöbern in unzähligen Reiseführern.

Michelle Raven - im Netz: http://www.michelleraven.de

 
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