"Da sind die Schauspieler
echt"
Kindertheater: Blicke aus der Kulisse oder was
man als Schauspielerin beim Theater für Kinder
so alles erleben kann
In der Aula einer Schule baut eine Theatergruppe
ihre Bühne auf. Neugierig lugen ein paar Schüler
zur Tür herein und erkundigen sich: "Was
gibt's denn heute für 'ne Sendung?" Später
im Gespräch mit den Schauspielern werde diese
erwartungsvoll gefragt, ob sie denn auch schon mal
im Fernsehen zu sehen waren, "denn die aus'm
Fernsehen sind berühmt." Spielen Kinder
oder Jugendliche Theater ist häufig die Rede
vom "Drehbuch" oder es tönt "Achtung,
Klappe", "action!" Die Film- und Fernsehsprache
ebenso wie die filmischen Erzählweisen (z.B.
Blenden, rasche Schnittfolgen mit wechselnden Perspektiven
und Schauplätzen) sind den tv-kids bekannt, denn
sie wachsen mit und vor der Mattscheibe auf. TV ist
ein fester Bestandteil ihres Alltags, allzeit verfügbar
und wenn einem was nicht gefällt, wird es einfach
weggezappt. Essen, rein- und rauslaufen, sich nebenbei
unterhalten - egal was im Zimmer passiert, der Film/das
Fernsehen läuft weiter oder man kann ihn ggf.
sogar zurückspulen. Musik hört man auch
nebenbei.
Auch sonst kennen sich unsere jungen Zuschauer bestens
aus mit CD, DVD, MC, PC und anderen Techniken. Aber
was ist eigentlich "Theater"?!
Sowohl das Verhalten vor der häuslichen Mattscheibe
als auch die filmischen Seherfahrungen werden auf
den Theaterbesuch und Theatersehen und -erleben von
vielen Kinder übertragen, wenn man ihnen nicht
die ganz eigene "Sprache" oder Erzähl-
und Darstellungsweise des Theaters vermittelt.
Deswegen Theater braucht den Erwachsenen/Pädagogen,
der Kinder auf die Begegnung mit dieser uralten Kulturform
der Menschheit vorbereitet und sensiblisiert.
Theater kommt zur Sprache und ins Gespräch
Wie Theater bzw. eine Theateraufführung vom Zuschauer
erlebt wird, hängt zum einen von den äußeren
Theaterbedingungen ab wie Räumlichkeit, Akustik,
Platzverhältnisse usw. Wichtiger noch sind jedoch
die Vorerfahrungen, die persönlichen Voraussetzungen
und Bedürfnissen des Zuschauers sowie seine Vorbereitung
auf das Ereignis, die die Erwartungshaltung und Kriterien
jedes Einzelnen ausmachen.
Im Theater kann man nicht lauter oder leiser machen.
'Nen Film haben die schon vor ein paar Tagen gedreht
und im Theater passiert alles genau dann, wenn man's
gerade sieht.
Deswegen dürfen die im Theater auch keinen Fehler
machen, weil man das nicht nochmals machen kann wie
im Film.
Im Theater, da sind echte Menschen, im Fernsehen sieht
man die nur so.
Im Fernsehen sieht man's auf 'ner Scheibe und im Theater,
da hat man auch noch alles anderes drumherum - und
es gibt auch keine Kamera und keine Kameraleute.
Im Theater sieht man alles genauso groß oder
kleine wie's wirklich ist. Aber wenn sie was mit Blut
machen, dann ist das nur Ketchup oder rote Farbe -
so wie im Film.
Die Schauspieler sehen die Leute, die ihnen zuschauen
und wenn die Reden oder so Sachen machen, dann kann
der Schauspieler auch durcheinanderkommen und seinen
Text vergessen.
(aus Theatergesprächen mit Kindern)
Wie in jeder Kunst gibt es auch im Theater unterschiedliche
Theaterformen und -stile, die dem einem gefallen und
dem anderen subjektiv mißfallen oder nichts
sagen. Wer die Wortlosigkeit des Pantomimen kritisiert,
ein Schwarz-weiß-Foto mit Farbkriterien beurteilt,
legt unpassende Maßstäbe an das Kunstwerk
an und wird niemals zu dessen Inhalt und Aussage(-kraft)
vordringen. Wer Puppentheater erwartet, wird irritiert
oder sogar enttäuscht sein, wenn er mit der körperlichen
Realität des Darstellers konfrontiert ist. Wer
ein Theaterstück nach wissensverwertbaren Informationen
oder Aussagen (Haben Sie ein Stück über
Ausländerfeindlichkeit? Und was lernen die Schüler
dabei?) abklopft, wird dem Medium Theater als künstlerische
und schöpferische Ausdrucksformen nicht gerecht.
Denn Theater, verstanden als künstlerische Ausdrucksform,
transportiert mehr als das gesprochene Wort; es spricht
den Menschen mit seinen Sinnen an. Und es fordert
ihn - wie wir meinen - zum (Nach-)Denken auf. Theater
kann Impulse geben, aber es kann keine Veränderungen
bewirken. Es ist weder dazu geeignet als Ersatzerzieher
aufzutreten, nach dem Motto "Siehst du, so musst
du es machen!
Theater erleben: Zuschauer-sein
Mehr als alle anderen Künste ist das Theater
mit seinen Zuschauern verbunden. Der Film läuft
mit und ohne Publikum ab und das Gemälde oder
die Skulptur präsentiert seine künstlerische
Aussage wesentlich unabhängiger vom Betrachter
als die Theateraufführung. Denn: Theater entsteht
nur in der Begegnung mit einem Publikum. Theatererleben
findet immer in einer Gruppe statt, die sich (ähnlich
wie im Kino) nicht kennt, sondern durch ein gemeinsames
Interesse zusammenkommt. Wie immer, wenn der Einzelne
auch Mitglied einer Gruppe ist, kann er nicht nur
seine individuellen Bedürfnisse verfolgen, sondern
muß Rücksicht nehmen. Ständiges Aufstehen,
Hinausgehen und Wiederkommen ebenso wie das Knistern
und Rascheln von Verpackungen oder Gespräche
und Plaudereien mit Nachbarn beeinträchtig die
Konzentration der anderen und lenken diese vom Geschehen
auf der Bühne oder Leinwand ab. Wer sich aber
nicht auf das Bühnengeschehen einlassen kann,
die Handlung nicht verfolgen und die sprachlichen
und körperlichen Gesten nur bedingt wahrnehmen
kann, der wird nicht in das Bühnengeschehen hineingezogen
und es fehlt die emotionale Beteiligung (das Mitbangen,
das Parteiergreifen, die Schadenfreude, das Entstehen
von Sympathien oder Antipathien für die verschiedenen
Figuren der Handlung). Dadurch wird das Gezeigte rasch
als langweilig oder blöd abgetan und der Zuschauer
beschäftigt sich ggf. mit anderen.
Erste Eindrücke nach der Aufführung
In einem lockeren Gespräch (ggf. ist dies sogar
mit den den Theatermachern selber möglich) können
erste Eindrücke formuliert und/oder Fragen gestellt
werden (z.B. zum Theaterstück, zum Thema, zum
Theater allgemein). Sie mobiliseren das Kurzzeitgedächtnis:
welche Ereignisse, Figuren, theatralische Stilmittel
wurden wahrgenommen und gespeichert, haben sich eingeprägt,
Spuren hinterlassen und beschäftigen den Zuschauenden.
Es werden erste Empfindungen und Einschätzungen
ausgedrückt, die sich in einem späteren
Gespräch in dieser Form entweder nicht mehr äußern,
sich total verändern oder erhärtet werden.
Damit es nicht zu stupiden und aussagearmen Ja-Nein-Antworten
versackt, braucht es animierende Gesprächsaufhänger.
Damit es nicht zu voreiligen Schlüssen oder
Mißverständnisse kommt, ist es wichtig,
Einschätzung und Meinungen zu hinterfragen. Oft
meinen Kinder mit ihren Formulierungen etwas anderes
als Erwachsene. "Ich habe nicht verstanden"
muss nicht unbedingt heißen, dass man eine Sache
nicht erfasst hat, sondern kann auch bedeuten, dass
sie dem eigenen Verhalten zu widerläuft, dass
sich der Antwortende in der gezeigten Bühnensituation
ganz anders verhalten hätte.
Eine Theateraufführung kann sowohl Anlass sein,
sich mit dem Medium "Theater" auseinanderzusetzen,
aber auch der Einstieg in die Theaterarbeit mit einer
Gruppe oder in eine Thematik (Freundschaft, fremde/ander
Kulturen, Eltern & Kinder, Computer & Technik
usw.) werden. Oder eine Gruppe erhält neue/andere
Impulse.
Details, unterschiedliche Wahrnehmungen und Meinungen
Sie erfahren, dass Ereignisse unterschiedlich wahrgenommen
werden. Nicht alle erleben eine Aufführung in
gleicher Art und Weise.
Je nach Person, persönlicher Situation, aktueller
Ausgangssituation holt sich jeder Zuschauer das heraus,
was ihn/sie besonders berührt und wehrt ab, was
ihm/ihr unangenehm ist und den eigenen Wertmaßstäben
widerspricht.
Das szenische Erzählspiel führt den Zuschauer
an eine der Wurzeln des Theaters heran: wie sich aus
und mit dem Erzählen Formen des darstellenden
Spieles entwickelten und wie der Darsteller unterschiedliche
Rollen und Charaktere durch Gestik, Mimik, Sprache
und Pose kennzeichnen kann.
Um sich ein Bild von den Örtlichkeiten wie dem
Palast, der Pyramide, dem Festsaal oder den agierenden
Personen zu machen, ist der Zuschauer auf das Wort
und die Darstellungen des Schauspielers angewiesen
und das ist für mediengewöhnte Zuschauer
eine große, aber auch kreative Herausforderung.
Die Bilder, die durch das Gehörte und Gesehene
in den Köpfen während der Aufführung
entstanden, werden visualiert. Nur das, was den Zuschauenden
berührt hat, wird schließlich auf dem Papier
sichtbar.
- Autorin: Sylvia Schopf vom Krick-Krack-Theater
- weitere Infos zu ihr und dem phantastischen Kindertheater
unter: www.krickkrack-theater.de