Theater, Theater

Aus der Welt des Kindertheaters

von Sylvia Schopf

 

 

"Da sind die Schauspieler echt"
Kindertheater: Blicke aus der Kulisse oder was man als Schauspielerin beim Theater für Kinder so alles erleben kann

In der Aula einer Schule baut eine Theatergruppe ihre Bühne auf. Neugierig lugen ein paar Schüler zur Tür herein und erkundigen sich: "Was gibt's denn heute für 'ne Sendung?" Später im Gespräch mit den Schauspielern werde diese erwartungsvoll gefragt, ob sie denn auch schon mal im Fernsehen zu sehen waren, "denn die aus'm Fernsehen sind berühmt." Spielen Kinder oder Jugendliche Theater ist häufig die Rede vom "Drehbuch" oder es tönt "Achtung, Klappe", "action!" Die Film- und Fernsehsprache ebenso wie die filmischen Erzählweisen (z.B. Blenden, rasche Schnittfolgen mit wechselnden Perspektiven und Schauplätzen) sind den tv-kids bekannt, denn sie wachsen mit und vor der Mattscheibe auf. TV ist ein fester Bestandteil ihres Alltags, allzeit verfügbar und wenn einem was nicht gefällt, wird es einfach weggezappt. Essen, rein- und rauslaufen, sich nebenbei unterhalten - egal was im Zimmer passiert, der Film/das Fernsehen läuft weiter oder man kann ihn ggf. sogar zurückspulen. Musik hört man auch nebenbei.
Auch sonst kennen sich unsere jungen Zuschauer bestens aus mit CD, DVD, MC, PC und anderen Techniken. Aber was ist eigentlich "Theater"?!

Sowohl das Verhalten vor der häuslichen Mattscheibe als auch die filmischen Seherfahrungen werden auf den Theaterbesuch und Theatersehen und -erleben von vielen Kinder übertragen, wenn man ihnen nicht die ganz eigene "Sprache" oder Erzähl- und Darstellungsweise des Theaters vermittelt.

Deswegen Theater braucht den Erwachsenen/Pädagogen, der Kinder auf die Begegnung mit dieser uralten Kulturform der Menschheit vorbereitet und sensiblisiert.

Theater kommt zur Sprache und ins Gespräch


Wie Theater bzw. eine Theateraufführung vom Zuschauer erlebt wird, hängt zum einen von den äußeren Theaterbedingungen ab wie Räumlichkeit, Akustik, Platzverhältnisse usw. Wichtiger noch sind jedoch die Vorerfahrungen, die persönlichen Voraussetzungen und Bedürfnissen des Zuschauers sowie seine Vorbereitung auf das Ereignis, die die Erwartungshaltung und Kriterien jedes Einzelnen ausmachen.
Im Theater kann man nicht lauter oder leiser machen.
'Nen Film haben die schon vor ein paar Tagen gedreht und im Theater passiert alles genau dann, wenn man's gerade sieht.
Deswegen dürfen die im Theater auch keinen Fehler machen, weil man das nicht nochmals machen kann wie im Film.
Im Theater, da sind echte Menschen, im Fernsehen sieht man die nur so.
Im Fernsehen sieht man's auf 'ner Scheibe und im Theater, da hat man auch noch alles anderes drumherum - und es gibt auch keine Kamera und keine Kameraleute.
Im Theater sieht man alles genauso groß oder kleine wie's wirklich ist. Aber wenn sie was mit Blut machen, dann ist das nur Ketchup oder rote Farbe - so wie im Film.
Die Schauspieler sehen die Leute, die ihnen zuschauen und wenn die Reden oder so Sachen machen, dann kann der Schauspieler auch durcheinanderkommen und seinen Text vergessen.
(aus Theatergesprächen mit Kindern)
Wie in jeder Kunst gibt es auch im Theater unterschiedliche Theaterformen und -stile, die dem einem gefallen und dem anderen subjektiv mißfallen oder nichts sagen. Wer die Wortlosigkeit des Pantomimen kritisiert, ein Schwarz-weiß-Foto mit Farbkriterien beurteilt, legt unpassende Maßstäbe an das Kunstwerk an und wird niemals zu dessen Inhalt und Aussage(-kraft) vordringen. Wer Puppentheater erwartet, wird irritiert oder sogar enttäuscht sein, wenn er mit der körperlichen Realität des Darstellers konfrontiert ist. Wer ein Theaterstück nach wissensverwertbaren Informationen oder Aussagen (Haben Sie ein Stück über Ausländerfeindlichkeit? Und was lernen die Schüler dabei?) abklopft, wird dem Medium Theater als künstlerische und schöpferische Ausdrucksformen nicht gerecht. Denn Theater, verstanden als künstlerische Ausdrucksform, transportiert mehr als das gesprochene Wort; es spricht den Menschen mit seinen Sinnen an. Und es fordert ihn - wie wir meinen - zum (Nach-)Denken auf. Theater kann Impulse geben, aber es kann keine Veränderungen bewirken. Es ist weder dazu geeignet als Ersatzerzieher aufzutreten, nach dem Motto "Siehst du, so musst du es machen!

Theater erleben: Zuschauer-sein


Mehr als alle anderen Künste ist das Theater mit seinen Zuschauern verbunden. Der Film läuft mit und ohne Publikum ab und das Gemälde oder die Skulptur präsentiert seine künstlerische Aussage wesentlich unabhängiger vom Betrachter als die Theateraufführung. Denn: Theater entsteht nur in der Begegnung mit einem Publikum. Theatererleben findet immer in einer Gruppe statt, die sich (ähnlich wie im Kino) nicht kennt, sondern durch ein gemeinsames Interesse zusammenkommt. Wie immer, wenn der Einzelne auch Mitglied einer Gruppe ist, kann er nicht nur seine individuellen Bedürfnisse verfolgen, sondern muß Rücksicht nehmen. Ständiges Aufstehen, Hinausgehen und Wiederkommen ebenso wie das Knistern und Rascheln von Verpackungen oder Gespräche und Plaudereien mit Nachbarn beeinträchtig die Konzentration der anderen und lenken diese vom Geschehen auf der Bühne oder Leinwand ab. Wer sich aber nicht auf das Bühnengeschehen einlassen kann, die Handlung nicht verfolgen und die sprachlichen und körperlichen Gesten nur bedingt wahrnehmen kann, der wird nicht in das Bühnengeschehen hineingezogen und es fehlt die emotionale Beteiligung (das Mitbangen, das Parteiergreifen, die Schadenfreude, das Entstehen von Sympathien oder Antipathien für die verschiedenen Figuren der Handlung). Dadurch wird das Gezeigte rasch als langweilig oder blöd abgetan und der Zuschauer beschäftigt sich ggf. mit anderen.

Erste Eindrücke nach der Aufführung


In einem lockeren Gespräch (ggf. ist dies sogar mit den den Theatermachern selber möglich) können erste Eindrücke formuliert und/oder Fragen gestellt werden (z.B. zum Theaterstück, zum Thema, zum Theater allgemein). Sie mobiliseren das Kurzzeitgedächtnis: welche Ereignisse, Figuren, theatralische Stilmittel wurden wahrgenommen und gespeichert, haben sich eingeprägt, Spuren hinterlassen und beschäftigen den Zuschauenden. Es werden erste Empfindungen und Einschätzungen ausgedrückt, die sich in einem späteren Gespräch in dieser Form entweder nicht mehr äußern, sich total verändern oder erhärtet werden. Damit es nicht zu stupiden und aussagearmen Ja-Nein-Antworten versackt, braucht es animierende Gesprächsaufhänger.

Damit es nicht zu voreiligen Schlüssen oder Mißverständnisse kommt, ist es wichtig, Einschätzung und Meinungen zu hinterfragen. Oft meinen Kinder mit ihren Formulierungen etwas anderes als Erwachsene. "Ich habe nicht verstanden" muss nicht unbedingt heißen, dass man eine Sache nicht erfasst hat, sondern kann auch bedeuten, dass sie dem eigenen Verhalten zu widerläuft, dass sich der Antwortende in der gezeigten Bühnensituation ganz anders verhalten hätte.
Eine Theateraufführung kann sowohl Anlass sein, sich mit dem Medium "Theater" auseinanderzusetzen, aber auch der Einstieg in die Theaterarbeit mit einer Gruppe oder in eine Thematik (Freundschaft, fremde/ander Kulturen, Eltern & Kinder, Computer & Technik usw.) werden. Oder eine Gruppe erhält neue/andere Impulse.

Details, unterschiedliche Wahrnehmungen und Meinungen


Sie erfahren, dass Ereignisse unterschiedlich wahrgenommen werden. Nicht alle erleben eine Aufführung in gleicher Art und Weise.
Je nach Person, persönlicher Situation, aktueller Ausgangssituation holt sich jeder Zuschauer das heraus, was ihn/sie besonders berührt und wehrt ab, was ihm/ihr unangenehm ist und den eigenen Wertmaßstäben widerspricht.

Das szenische Erzählspiel führt den Zuschauer an eine der Wurzeln des Theaters heran: wie sich aus und mit dem Erzählen Formen des darstellenden Spieles entwickelten und wie der Darsteller unterschiedliche Rollen und Charaktere durch Gestik, Mimik, Sprache und Pose kennzeichnen kann.
Um sich ein Bild von den Örtlichkeiten wie dem Palast, der Pyramide, dem Festsaal oder den agierenden Personen zu machen, ist der Zuschauer auf das Wort und die Darstellungen des Schauspielers angewiesen und das ist für mediengewöhnte Zuschauer eine große, aber auch kreative Herausforderung. Die Bilder, die durch das Gehörte und Gesehene in den Köpfen während der Aufführung entstanden, werden visualiert. Nur das, was den Zuschauenden berührt hat, wird schließlich auf dem Papier sichtbar.

Autorin: Sylvia Schopf vom Krick-Krack-Theater - weitere Infos zu ihr und dem phantastischen Kindertheater unter: www.krickkrack-theater.de


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