-
Lieber
nicht!
Ich habe von einem Land gehört,
da sollen die Meister vom Himmel fallen.
Soll ich nun dorthin ziehen,
gleich jetzt
und so schnell mich die Beine tragen?
Ich laß das hübsch bleiben,
sonst werde ich noch von einem fallenden Meister
erschlagen.
Aus:
Hans Manz, Sprachbuch für Kinder und Neugierige;
Beltz&Gelberg; 4. Auflage, 1991, S. 168;
Um
auf die Titelfrage zu antworten: in gewisser Weise
ja. Schreiben ist bis zu einem bestimmten Grad erlernbar
und Literatur ist in erster Linie Handwerk -
wie alle anderen Künste auch. Talent kommt auch
hinzu, aber der Anteil von Talent ist bei einem gutgeschriebenen
und spannenden Roman verschwindend geringt
- auch wenn dies bitter klingen mag.
Besonders
im deutschsprachigen Raum hat sich das Gerücht
vom geborenen Autorengenie hartnäckig durchgesetzt
und ist fast nicht mehr abzuschütteln. (Fast
scheint es, als würde Hans Manz in seinem Gedicht
über fallende Meister eben genau von unseren
Landen sprechen ...) Der unverstandene Genius, das
Enfant terrible, ohne nennenswertes Werk (manchmal
doch), aber immer mit dem Kopf in den Wolken, vom
Äther des Unberührbaren umgeben - zugegebenermaßen
für uns Autoren hat diese Vorstellung durchaus
Reize, werden wir doch gerne unter den Tisch gekehrt,
geht es um die Verteilung von Lorbeeren im Bereich
der Künste (als Beispiel: wer kann schon Drehbuchautoren
namentlich nennen, wenn von einem guten Film die Rede
ist?). Der Autor gilt hierzulande nicht
mehr viel, schon gar nicht, wenn er Unterhaltungsliteratur
schreibt und nicht ernsthaft bei der Sache zu sein
scheint ..... sprich: keine E-Literatur kreiert, die
keiner versteht, am wenigsten der Meister selbst,
mit Ausnahme der Kritiker, die ihm dann sagen, was
er sich dabei gedacht hat ... (Aha-Momente bleiben
nicht aus ...). Nun, ein wenig Übertreibung ist
hier im Spiel - doch soll sie helfen, dass Autoren
das Handwerk nicht als bösen Gegenspieler betrachten,
sie sich im Gegenteil das Handwerk als Hilfsmittel
zunutze machen - auf dem Weg nach ganz oben.
Manche
der Regeln hören sich starr an, vermitteln das
Gefühl "Wenn ich an all das beim Schreiben denke,
denke ich nicht mehr ans Schreiben ....". Aber nur
wer das Handwerk beherrscht, kann die Regeln brechen.
Auch Ärzte, Bäcker, Maurer, Ingenieure und
Anwälte
müssen das Handwerk erlernen, die Regeln verinnerlichen,
nach denen ihre Arbeit funktioniert, erst dann können
sie zu neuen Erfindungen kommen, bahnbrechende neue
Gesetze in die Welt setzen. Deshalb gilt: die Regeln
sollten nicht starr verfolgt werden, aber jeder Autor
sollte sie kennen, sie verinnerlichen und dann zu
seinem eigenen Stil, seinem eigenen Regelwerk finden.
Eines
sollten wir immer bedenken: es kommt nicht von ungefähr,
dass die Werke deutschsprachiger Autoren manchmal
wie Blei in den Regalen liegen, ausländische
Verleger sich nur zu oft um Aufkäufe unserer
Literatur drücken und wir im Gegenzug einer Schwemme
von Übersetzungen gegenüberstehen, gegen
diese anschreiben müssen. Wir haben hierzulande
nicht den Vorteil, kreatives Schreiben bereits in
der Schule zu erlernen, aber wir können uns die
Grundprinzipien, nach denen das Schreiben funktioniert,
durchaus aneignen.
Und
nicht vergessen: wer sich an die Regeln hält,
ist immer noch Künstler.