Die
Leser lieben schillernde Figuren - ob Halunken, Schurken,
Bösewichte oder Heilige (im übetragenen
Sinne) - mit den Charakteren steht und fällt
eine Geschichte. Doch, wie entwickelt man unvergessliche
Figuren?
Welche
Geschichte soll erzählt werden?
Anders
gefragt: Haben Sie vor einen Krimi, einen historischen
Roman, einen Western oder einen Heimatroman, etc.
zu schreiben? Aus dem Genre ergeben sich bereits die
ersten Anlagen für den Charakter! Denn: Ein Priester
im Barock dürfte andere Charaktereigenschaften
aufzuweisen haben als eine Sennerin auf der Alm in
unserem Jahrundert. Zumindest im Roman - denn eine
Romanfigur hat niemals mit echten, lebenden Personen
zu tun, ein Priester im Roman wird nie so sein wie
ein Priester in der Realität. Romanfiguren sind
stärker, schöner, mutiger, etc. als "echte"
Menschen und sie sind genau auf das Genre zugeschnitten.
Wer
ist der Protagonist?
Die
erste Frage, um die sich dabei alles drehen sollte:
wer ist der Held der Geschichte? Um wen geht es? Ist
der Held männlich oder weiblich, ein Kind, erwachsen,
etc. Und hier
kommt gleich der erste Stolperstein für Autoren:
es genügt nicht, zu wissen, dass der Held männlich,
um die 30 Jahre alt und groß ist. Sie als Autor
müssen alles, wirklich alles über Ihren
Helden wissen: angefangen von Geburt, Kindheit, Jugend
bis hin zu Eßgewohnheiten (schmatzt er, wie
nimmt er die Gabel zur Hand, ißt er schnell,
hastig oder besonnen, etc.), Hobbies und Abneigungen
und natürlich müssen sie auch alles über
das Liebesleben Ihres Helden wissen.
Beachten
Sie dabei: notieren Sie sich alles, was Sie Ihrem
Helden an Eigenschaften und Erfahrungen mit auf den
Weg geben wollen. Selbst Kleinigkeiten! Irgendwann
im Laufe des Schreibens werden Sie möglicherweise
plötzlich vor der Frage stehen: wie verhält
sich der Held, wenn er bei einem Galadiner eine Rede
halten muss und Sie wissen es nicht und schon macht
sich der Held selbstständig, reagiert unlogisch
und damit für den Leser unbefriedigend.
Vermeiden
Sie Stereotypen
"Er
war groß, schlank, hatte eine sehnige Figur,
dunkles, volles Haar, schwarze, unergründliche
Augen und eine samtige Stimme." - und schon ist ein
stereotyper Charakter entstanden, der eigentlich keinen
Leser hinter dem Ofen hervorlocken wird.
Anders sieht es aus, wenn sie ihrem Helden Narben
(auch seelische), Ecken und Kanten verpassen, ihn
als Privatdetektiv humpeln oder als Polizist Angst
vor großen Tieren (nicht im übertragenen
Sinne zu verstehen) haben lassen. Dann wird er im
Laufe der Geschichte auch interessante, weil ungewöhnliche
Lösungen finden müssen. Bsp: wenn ein Privatdetektiv
aufgrund seines Humpelns keine Verfolgungsjagd vollführen
kann, was wird er dann tun?
Ein
interessanter Charakter entsteht, wenn seine Eigenschaften,
Vorlieben, Abneigungen beinahe im Gegensatz zu seinem
(literarischen) Auftrag stehen. Denken Sie an die
alte, zerbrechliche Miß Marple, die immer wieder
Verbrecher überführen muss, etc....
Beachten
Sie dabei: vergessen Sie keine Facette Ihres Helden!
Sowohl das Äußere, als auch Charakter und
sozialer Hintergrund müssen klar definiert sein.
Gegenspieler
Jeder
Protagonist braucht seinen persönlichen Gegenspieler.
Dieser muss keine Person sein - es kann ein Auftrag,
eine Mission, ein Versprechen, etc. sein, dass der
Protagonist lösen, erfüllen muss.
Ist
der Gegenspieler aber eine Person, so vermeiden Sie
schwarz-weiß-Zeichnungen. Nicht den Protagonisten
absolut gut und den Gegenspieler von Grund auf böse
zeichnen. Auch die Bösen sollten einen wunden
Punkt, eine Schwachstelle in ihrem Herzen haben und
die Guten dürfen durchaus "eine Leiche im Keller"
haben.
Nebenfiguren
Haben
Sie das Genre, den Protagonisten und den Gegenspieler
festgelegt, dann wagen Sie sich an die Nebenfiguren.
Nebenfiguren sind keineswegs unwichtig! Sie bevölkern
die Geschichte, machen sie bunter, aufregender, spannender,
können den Helden auf die falsche Spur locken
oder ihm wertvolle Hinweise geben. Deshalb dürfen
auch die Nebenfiguren keineswegs stereotyp werden!
Eine
brillante Nebenfigur (aus einem ebenso brillanten
Roman) ist die Figur der Bettina Quint aus "Ein Bär
will nach oben" von William Kotzwinkle. Kotzwinkle
führt sie folgendermaßen ein:
"....
Er hörte ein Geräusch an der Tür, drehte
sich um und hatte den Eindruck, daß gerade ein
konfuser Kolibri das Zimmer betreten hatte.
Bettina Quint war winzig und bewegte sich mit hoher
Geschwindigkeit. Ein rascher Richtungswechsel beim
Anblick Hal Jams sorgte dafür, daß sie
in einen Bücherstapel rannte und ihn umwarf.
"Ach du Scheiße", sagte sie und fing an, die
Bücher aufzusammeln."
Und
weiter:
"Bettina
machte einen weiteren raschen Versuch, ihre flatternden
Haare zu ordnen, und rannte dann den Flur hinunter;
die Lektoren in ihren Zellen sahen ein grellbuntes
Projektil vorbeifliegen. ..."
"
... fegte sie doch durch das Gebäude wie ein
Präriehund, der Pfefferschoten scheißt.
..."
Spätestens
nach dem letzten Satz, dieser sehr bildhaften Beschreibung,
bleibt Bettina für immer im Gedächtnis des
Lesers haften. Die quietschbunt gekleidetete Nebenfigur
verleiht allen Szenen, in denen sie auftritt, zusätzliches
Charisma (und jede Menge Spaß).
Wer
eine Nebenfigur so beschreiben kann, weiß alles
über sie - er kennt ihre Lieblings-
farben, ihr Lieblingsessen, was sie in der Nacht vor
diesem Auftritt im Lektorat getrieben
hat, etc. - einfach alles. Und Sie sehen: Bettina
ist ganz bestimmt nicht stereoty - denn zu
ihrer offensichtlichen Schusseligkeit kommt ihre unglaubliche
Professionalität - sie ist die rechte Hand des
Verlagsleiters und für den Verlag unentbehrlich.
Chaos und Kontrolle scheinen eigentlich nicht zusammenzupassen
- bei Bettina schon, denn sie ist keine stereo-
type Nebenfigur.
Randfiguren
Manchmal
werden sie auch Platzhalter genannt. Randfiguren tangieren
den Protagonisten nicht. Er trifft sie im Lift, auf
dem Markt, in der Bahn. Er geht an ihnen vorbei, ohne
sie
richtig wahrzunehmen und für den dramaturgischen
Verlauf der Geschichte sind sie nicht von Bedeutung.
Man hüte sich aber davor, diese Randfiguren lieblos
einzubauen. Auch sie haben ihre Funktion, auch sie
beleben das Geschehen.
Nomen
est Omen
Von
entscheidender Bedeutung sind die Namen, die Sie Ihren
Figuren geben. Eine Figur namens Kunigunde löste
völlig andere Assoziationen aus wie eine Figur
namens Imogen, Mimi oder Monique.
Und:
vermeiden Sie auf alle Fälle ähnlich klingende
Namen! Wenn der Held Armin heisst,
soll der Gegenspieler nicht unbedingt Arne heissen.
Dies verwirrt beim Lesen mitunter sehr.
Verwirrung
vermeiden
Ebenso
wie ähnlich klingende Namen beim Lesen durcheinanderbringen
können, ist es auch das Äußere der
Figuren, das so entgegengesetzt wie möglich angelegt
werden sollte. (Blond/Dunkelhaarig, Groß/Klein,
etc.). Selbstverständlich gilt dies nicht, wenn
die Protagonisten, gar Gegenspieler Zwillinge sind
....
Beschreibungen
von Figuren im Text
Vermeiden
Sie auch im fließenden Text stereotypische Beschreibungen.
Ein großes Problem scheint immer wieder zu sein:
wie beschreibe ich den Charakter möglichst anschaulich,
ohne dass es dabei wie ein Bericht wirkt? Manche Autoren
kommen dabei auch um den berüchtigten "Spiegelabschnitt"
nicht herum. D.h., die Figur bleibt mitten in der
unmöglichsten Szene (nach einem Überfall,
während eines Streites, etc.) vor einem Spiegel
stehen und beginnt, über ihr Äußeres
zu sinnieren. Dabei folgen dann oft ganze Aneinanderreihungen
von äußerlichen Merkmalen, die diese Figur
gerade in dieser Situation bestimmt nicht zur Kenntnis
nehmen würde ("das lange, wallende Haar", "die
großen, funkelnden Augen", etc.)
Der
"Spiegelabschnitt" sollte eigentlich vermieden werden.
Ebenso die Aneinanderreihung
von äußerlichen Merkmalen, Größe,
Statur, Gewicht, Haarfarbe und was die Figur gerne
trägt in einem Absatz.... Dies sind die Abschnitte,
die manchem Autor die Gunst des Lesers kosten!
Betrachten
wir hingegen, wie William Kotzwinkle einen der beiden
Protagonisten (den Gegenspieler von Hal Jam,
dem Bären, den armen Schriftsteller Arthur Bramhall)
einführt:
"Das
Bauernhaus war der Schlupfwinkel, in den sich Arthur
Bramhall, Professor für amerikanische Literatur
an der University of Maine, für sein unterrichtsfreies
Jahr zurückgezogen hatte. Der Mann war für
die Lehrtätigkeit wenig geeignet, weil er zu
Depressionen neigte und lieber allein war. In seinen
depressiven (also fast immer) mochte er niemandem
seine Gesellschaft zumuten. Er hatte das alte Bauernhaus
gekauft, weil er auf Sex mit Frauen hoffte, die ebenfalls
aufs Land gezogen waren und unter Depressionen litten.
Die meisten dieser Frauen erschienen im depressiv
- oder zumindest verbittert -, wahrscheinlich, weil
sie auf dem Land leben mußten. ..."
Hier
erfährt der Leser schon sehr viel über Arthur
Bramhall - allerdings noch nichts über sein Äußeres
(obwohl man schon sehr viel mutmaßen kann ....).
Dennoch ist bereits ein sehr detaillliertes Bild über
diesen Eigenbrödler entstanden.
Erst
mehrere Seiten später wird Arthur Bramhalls Äußeres
beschrieben - und zwar nicht aus seiner Sicht, sondern
aus der Sicht einer Randfigur!
"...
sagte die behaarte Frau freundlich, obwohl sie ihn
von ihrer Liste der ernsthaft in Frage kommenden Männer
gestrichen hatte. Er war kräftig gebaut und hatte
einen ansprechenden gewellten Haarschopf; seine braunen
Augen wirkten sanft, und er hatte ein nettes Lächeln,
aber ihr Typ Mann mußte nach Fichtenharz und
Rauch von Holzfeuer und nach Leben im Freien riechen,
so wie sie selbst. Arthur Bramhall konnte niemals
auch nur annähernd diesem Bild entsprechend abgerichtet
werden. Außerdem bügelte er seine Jeans.
..."
William
Kotzwinkle hat seine Leser hier nicht enttäuscht:
insgeheim stellt man sich nach der Einführungspassage
von Arthur Bramhall einen älteren, kleinen Mann
mit schütterem Haar und schlechter Haltung vor
- in Wirklichkeit ist er aber eigentlich ziemlich
stereotyp. Oder wäre stereotyp, wenn er nicht
diese Charaktereigenschaften hätte, die nicht
zum äußeren Erscheinungsbild passen.
Achten
Sie auch immer darauf, konkrete Details einfließen
zu lassen, ohne dabei ins Aufzählen zu geraten.
Dass Arthur Bramhall seine Jeans bügelt, ist
mehr als konkret und wir wissen jetzt auch, dass er
Jeans trägt - wir müssen nicht auch noch
erfahren, dass er eine dazu Windjacke, Slipper, Socken,
einen Pullover mit V-Ausschnitt anhat und einen Cashmere-Schal
locker um den Hals trägt ....
Die
Entwicklng der Figuren im Laufe der Geschichte
Figuren
sollten sich immer weiterentwickeln, eine Entwicklung
durchmachen, die mit dem Thema des Stoffes der Geschichte
unmittelbar zusammenhängt. (z.B. eine Kommissarin,
die möglicherweise wegen eines Erlebnisse
in der Kindheit panische Höhenangst hat, muss
im Laufe der Ermittlungen, evtl. an einer Wendestelle
des Romanes, auf ein Gerüst, um den Fall, den
sie bearbeitet, zum Abschluß zu bringen.
Die
Entwicklung kann kleine oder größere Eigenschaften
beinhalten - wichtig ist, dass die Figur am Ende des
Romanes nicht mehr ganz die gleiche ist wie zu Beginn
des Buches. Ängste müsse überwunden,
Fehler eingestanden werden, etc.
Die
Motivation
Eine
der wichtigsten "Eigenschaften", die sie einer Figur
geben müssen, ist die Motivation. Welcher Antrieb
bringt die Figur durch die Geschichte? Warum wurde
sie zu dem, was sie jetzt (im Augenblick des Erzählens
ist) und was bewegt sie, weiterzumachen (entgegen
Widerstände, etc.)
Motivationen
können Visionen, Hass, Neid, Liebe, Wünsche,
Ziele, etc. sein. Ihre Figur braucht einen "inneren
Motor", der sie durch die Geschichte treibt. Dieser
innere Motor ist auch für die Entwicklung der
Geschichte maßgeblich entscheidend! Aus Haß
entstehen andere Handlungen als bei einer Figur, die
eine Vision hat, etc ...
Die
Checkliste
Um
nun ebenfalls so schillernde Figuren wie jene aus
Kotzwinkles Buch zu schaffen, ist es am besten, sich
eine Checkliste anzulegen, damit kein Detail vergessen
wird:
1.
Äußeres
Von Haarfarbe bis hin zur Schuhgröße sollten
Sie wirklich alles über Ihre Figuren wissen.
2.
Charakter
Legen Sie alle Charaktermerkmale fest. Bedenken Sie
dabei: der Charakter entscheidet z.T. mit, wie eine
Geschichte sich entwickelt und: je mutiger eine Figur,
desto besser. (Leser mögen keine Angsthasen ...)
Wissen Sie z.B. welche Einrichtungsgegenstände,
welche Stilrichtung Ihre Figur sehr schätzt?
Weche Musik hört sie und welche Bücher liest
sie?
3.
Sozialer Hintergrund
Von der Vergangeheit bis zum Kontostand und Freunden
und Feinden muss hier alles verzeichnet werden.
Alle
Zitate stammen aus: William Kotzwinkle, Ein Bär
will nach oben, rowohlt TB-Verlag.